2012-Apr14
0 Kommentare [Author: Gero Seher Category: Allgemeines ]
Kürzlich fand ich einen beeindruckendan Artikel in der Stendaler Volksstimme, da berichtet Prof. Dr. Ulrich Nellessen über Möglichkeiten und Gefahren, die sich für Ärzte in unserem Gesundheitswesen eröffnen (Kolumne in der Stendaler Volksstimme vom 03. März 2012).

"Zu versuchen, sich sogenannte Entscheidungsträger durch Zuwendungen gefällig zu machen, ist eine utalte menschliche Verhaltensweise. Sie ist besonders da, wo viel Geld im Spiel ist, unverändert gegenwärtig. Auch in der Medizin gibt es solche Tendenzen. Ärzte nehmen Krankenhauseinweisungen und Verlegungen vor, Ärzte verordnen Medikamente. Ersteres interessiert die Krankenhausmanager und Chefärzte, letzteres die Pharmaindustrie. Die Krankenhäuser brauchen unter dem zunehmenden Konkurrenzdruck die Patienten wie der Supermarkt die Kunden. Wohin das führen kann, zeigt die im letzten Jahr in einem Ballungsgebiet bekannt gewordene Unsitte des Zahlens sogenannter Kopfpauschalen: Für die Zuweisung eines Patienten zu einer speziellen erlösträchtigen Untersuchung erhält der Zuweiser einen finanziellen Obulus vom aufnehmenden Krankenhaus. In einer solchen Gemengelage kann das Interesse des Zuweisers und nicht dasjenige des Patienten zur entscheidenden Größe werden.

Aber auch mit einer ganz anderen Strategie lassen sich Mediziner und Patienten zweckgerichtet verführen. Pharmavertreter informieren ständig über Medikamente ihrer Firma beziehungsweise über neue Studienergebnisse. Sie tun dies mit wenig Text, aber großen, bunten Bildern, sodass sich der erfahrene Mediziner so manches Mal an seine Kindheit erinnert fühlt, als aus dem Märchenbuch vorgelesen wurde. Ein zugegebenermaßen überspitztes Beispiel: Von 1000 Patienten, die über ein halbes Jahr mit einem Medikament gegen den Herztod behandelt wurden, sterben zwei, von 1000 weiteren Vergleichspatienten, die ein Scheinpräparat, eine Placebotablette, erhielten, sterben vier. Vollmundig wird nun - leider auch häufig in den Medien - von einer 50-prozentigen Senkung der Sterberate gesprochen (zwei gegen vier). Das ist jedoch nur die halbe Wahrheit: die andere Hälfte: es müssen 1000 Patienten behandelt werden, damit zwei profitieren, doch das steht meist im Kleingedruckten.

Zahlreiche Schwächen, körperlicher, geistiger und seelischer Natur galten noch vor ein, zwei Jahrzehnten als "Normalvarianten", heute sind es behandlungsbedürftige Erkrankungen. Früher war Opa etwas tüdelig, heute hat er eine ganz bestimmte Form der Demenz, natürlich mit absoluter Behandlungsnotwendigkeit. So erfreulich neue Behandlungsoptionen für Betroffene und Angehörige auch sein mögen, so muss doch die Frage erlaubt sein, ob vielleicht auch Menschen aus kommerziellem Interesse zu Patienten gemacht werden? Ist eine Gegebenheit, eine Unpässlichkeit erst mal als Erkrankung definiert, sozusagen in den "Krankenstand gehoben worden", so ist die Behandlung legitimiert. Auch die Schönheitschirurgie hätte ein großes Interesse daran, dass Vergrößern und Verkleinern, das Glätten und Straffen generell als das Heilen einer Erkrankung, als "Gesundmachen" definert wird.

Bestechungen müssen nicht immer materieller Natur sein. Im Namen der Gesundheit lassen sich Menschen sehr schnell verführen und sogar geistig korrumpieren. Das Wohl des Patienten sollte absolute Priorität genießen, doch dass es in de rMedizin ausschließlich darum geht, wird leider manches Mal nut vorgetäuscht."

Der Beitrag ist so aussagekräftig, dass ich ihn hier komplett wieder gegeben habe. Danke Herr Prof. Nellessen, selbst als ärztlicher Direktor des Johanniter-Krankenhauses in Stendal tätig, für soviel Offenheit, das tut gut.

Ich denke, dass hier Tendenzen dargestellt werden, die es zu beobachten gilt. Das heißt sicher nicht, dass grundsätzlich alle Ärzte sich in der geschilderten Form kaufen lassen. Es gibt eine große Zahl praktizierender Mediziner, die sich ihrem Gewissen und dem Wohl ihrer Patienten verpflichtet fühlen. Genaus denke ich, dass diese Tendenzen nocht nur in der Schulmedizin anzutreffen sind. Auch im alternativen Bereich wird es Therapeuten geben, die sich mehr ihrem Geldbeutel als ihrem Klienten verpflichtet fühlen.

Seien wir also alle gemeinsam wachsam, um Korruption und Ausuferung von Kosten Einhalt zu gebieten.
Benutzername:

Passwort:

Login automatisch

Passwort vergessen? Jetzt registrieren!
Benutzername:
User-Login
Ihr E-Mail